Die Datenautobahn des Gesundheitswesens – so heißt es über die so genannte Telematikinfrastruktur. Sie soll die schnelle und sichere Kommunikation und Vernetzung verschiedener Akteure des Gesundheitswesens ermöglichen mit dem Ziel einer besseren, schnelleren Versorgung der Patienten und Kunden. Auch die Augenoptik soll zukünftig in diese Telematikinfrastruktur eingebunden werden. Auf der vergangenen Obermeistertagung am 9. Oktober 2021 war dies ein Punkt auf der Tagesordnung (siehe ZVA Meldung vom 26. Oktober 2021). Optikernetz sprach dazu mit ZVA Präsident Thomas Truckenbrod.

Optikernetz: Ab 2024 können sich Augenoptiker freiwillig an die Telematikinfrastruktur (TI) anschließen, ab 2026 dann müssen sie dies tun, wenn sie mit den Krankenkassen abrechnen möchten. Inwiefern ist der ZVA in die Prozesse involviert?

Truckenbrod: Rein formal gesehen hat der ZVA mit der Anbindung der Betriebe an die Telematikinfrastruktur nichts zu tun. Dies zu bewerkstelligen, ist Aufgabe der Gematik GmbH (= die Gesellschaft wurde von den Spitzenorganisationen des deutschen Gesundheitswesens gegründet, um eben diese gesetzliche Aufgabe zu erfüllen). Wir sehen es jedoch als unsere Pflicht an, diesen Prozess zu begleiten, sodass der Umstieg in die digitale Versorgung für alle angeschlossenen Betriebe möglichst reibungslos gelingt.

Optikernetz: Erst die Präqualifizierung, jetzt die TI – haben Sie Sorge, dass einige Kollegen wieder Abstand nehmen von Versorgungen zulasten der Krankenkassen?

ZVA Präsident Thomas Truckenbrod. Bild: ZVA

Truckenbrod: Diese Sorge müsste ja nicht ich mir machen, sondern die Krankenkassen, deren Aufgabe es ist, eine flächendeckende Versorgung zu gewährleisten. Als ZVA-Präsident ist es mir wichtig, dass die Kollegen unternehmerische Entscheidungen treffen können, die frei sind und idealerweise rentabel. Stand heute übernimmt der GKV-Spitzenverband ja einen Großteil der Umsetzungskosten, die den Betrieben durch die Anbindung entstehen. Und in dem Moment, wo sich die Privatversicherungen dem System anschließen, ist sie meiner Meinung nach aus wirtschaftlichen Gründen ohnehin alternativlos. Aber das ist jetzt ein bisschen Kaffeesatzleserei.

Optikernetz: Wie bewerten sie die Situation aktuell: Ist es realistisch, dass sich bis 2024 Augenoptiker der TI anschließen können? Sind die technischen Voraussetzungen in den Betrieben für die Einführung eine große Hürde?

Truckenbrod: Wir haben das Thema beim ZVA im Rahmen der zurückliegenden Obermeistertagung ja sehr früh adressiert. Natürlich gilt es, auch weiter regelmäßig und umfangreich darüber zu informieren, sodass sich alle Innungsbetriebe rechtzeitig mit den verschiedenen Aspekten der Anbindung an die Telematikinfrastruktur beschäftigen können. Denn bei der Installation der Hard- und Software bekommt man von den entsprechenden Anbietern ja Hilfe, aber unter Umständen ist es in dem einen oder anderen Betrieb eventuell mit Umbauten verbunden. Meine Empfehlung wäre daher, sich im kommenden Jahr bereits mit dem Thema vertraut zu machen, dann sehe ich für die rechtzeitige Anbindung keine Probleme.

Optikernetz: Wie bewerten Sie den Nutzen der TI in der Augenoptik?

Truckenbrod: Das wird sich zeigen und hängt maßgeblich von den Schreib- und Leserechten ab, die unser Berufsstand erhält. Grundsätzlich müsste die Menge an Informationen, die uns zur Versorgung unserer Kunden zur Verfügung steht, durch die Telematikinfrastruktur zunehmen. Und das halte ich vor dem Hintergrund der wachsenden Rolle, die optometrischen Dienstleistungen künftig in der Sehhilfenversorgung spielen werden, für eine gute Sache.

Optikernetz: Könnte die TI in der Augenoptik ein Booster für optometrische Leistungen sein?

Truckenbrod: Wie gesagt, ein Mehr an Informationen über die Gesundheit und die Medikation unserer Kunden ist zweifellos förderlich, um selbst eine gute und qualitativ hochwertige Dienstleistung zu erbringen. Anbieterseitig birgt die Telematikinfrastruktur somit tatsächlich viel Potenzial. Ob sie aber auch nachfrageseitig einen „Booster“ bringt, vermag ich nicht zu sagen. Allein die technische Anbindung an ein System dürfte meines Erachtens zu wenig sein. Man muss als Anbieter auch aktiv etwas dafür tun, seine Dienstleistung darzustellen und zu vermarkten.

Optikernetz: Noch ein Wort zu den Kosten: Gibt es Möglichkeiten für Augenoptiker, die entstehenden Kosten erstattet zu bekommen und sind diese, falls vorhanden, kostendeckend?

Truckenbrod: Nach meinen bisherigen Informationen ja. Der GKV-Spitzenverband wird das Gros der Kosten für die Anschaffung der Hard- und Software refinanzieren. 100% der Kosten werden nach meinem Kenntnisstand aber nicht abgedeckt. Hinzu kommen natürlich noch Aufwände für etwaige Umbaumaßnahmen und mögliche weitere IT-Kosten, die aber von Betrieb zu Betrieb individuell unterschiedlich sein werden.

Optikernetz: Würden Sie empfehlen, dass sich Augenoptiker schon 2024 der TI anschließen?

Truckenbrod: Ja, denn warum nicht? Ab 2026 wird es eh verpflichtend sein. Warum nicht also schon früh mit dabei sein? Denn Umstellungen bedürfen auch immer der Umgewöhnung. Außerdem lässt sich das Thema ja durchaus zur Differenzierung gegenüber dem Wettbewerb einsetzen. Ab 2026 wird es damit schwer.

Optikernetz: Vielen Dank für das Interview.



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